Deutsch-russische Schriftsteller-Begegnung

Immer möge die Sonne sein – Kulturaustausch im Kaukasus

 Pjatigorsk – das bedeutet Stadt der fünf Berge. Der Ort liegt am nordwestlichen Rand des Kaukasus an den Hängen des Zauberbergs Maschuk, der aus der Landschaft ragt wie ein moosüberwachsener Maulwurfshügel auf einer endlos grünen Wiese. Genau hier fand die deutsch-russische Schriftstellerbegegnung in Kooperation mit der Staatlichen Universität Pjatigorsk statt.

 Das waren spannende Tage. Fünf Westfalen in der Stadt der fünf Berge. Wie würde das sein? Ich erinnere mich noch an einen Satz, den ich selbst Anfang der Neunziger – das war ich Teenager – noch hörte: „Der Russe steht vor der Tür!“ Damals interessierte ich mich nicht für Politik. Erst später beschäftigte ich mich mit dem Kalten Krieg und seinen Auswirkungen und wusste um die Differenzen der Nationen. Und jetzt? Jetzt standen wir – fünf Autoren aus dem Ruhrgebiet - plötzlich vor der russischen Tür. Und das nicht als Feinde, sondern als Gäste!

Würde es mit der Verständigung klappen? In wie viele kulturell-bedingte Fettnäpfchen würden wir treten? Und würden wir alle bis zum Umkippen Wodka trinken müssen, um den Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen? Ein Spoiler vorneweg: Den ersten Wodka tranken wir an Tag 3. Jeder nur ein Pinnchen. Und nicht etwa, weil wir mussten. Nein! Wir stießen im privaten Kreis auf den Geburtstag unserer Kollegin Anne-Kathrin an. 

  Was es mit dem „Zauberberg“ auf sich hatte, erfuhr ich einen Tag nach der Anreise. Wir unternahmen einen Spaziergang durch einen Kurpark der Stadt. Uns begleiteten der Leiter der Abteilung Literarisches Schaffen, Professor Dr.  Wjatscheslaw Iwanowitsch Schulshenko (links im Bild - und bei ihm ist bereits der Name Poesie!) sowie die beiden talentierten Nachwuchsdolmetscherinnen Anja Kravzova und Leila Mokaewa (die jungen Damen mittig). Wir lernten dabei nicht nur die schöne Gegend kennen, sondern auch viele andere interessante Dinge. Zum Beispiel – kein Scherz - dass es Kurortologie (fachlich Balneologie) als Studienfach gibt. Und dann erzählte mir Leila die Legende vom Elbrus, dem größten Berg Europas - sie blieb mir besonders im Gedächtnis. 

Elbrus – das war der Legende nach ein starker Anführer und Kriegsherr. Dessen Sohn Beschtau verliebte sich eines Tages in die junge, schöne Maschuk und schenkte ihr einen Ring, der sie und ihre Liebe schützen sollte. Aber auch der Vater begehrte das Mädchen. Mit aller Macht wollte er sie besitzen. Also schickte er den Sohn in einen Krieg. Zunächst gelang sein böser Plan nicht. Doch dann erkannte der dunkle Elbrus die schützende Kraft des Rings und konnte den Zauber brechen. Er riss Maschuk den Ring so heftig vom Finger, dass er bis zur Stadt Kislowodsk rollte und dort zum Ringberg wurde. Als Beschtau zurückkehrte und erfuhr, das der Vater das Mädchen gegen ihren Willen geehelicht hatte, kam es zu einem Zweikampf. Elbrus verlor im Kampf zwar seinen Helm, aus dem der Eisenberg erwuchs - Beschtau jedoch unterlag trotz seines Mutes und seiner Verzweiflung dem Vater. Elbrus zerhackte den Sohn mit seinem Schwert in fünf Teile, aus denen sich die fünf Gipfel des Beschtau-Berges bildeten. Die Tränen der trauernden Maschuk fließen noch heute – als heilende Quelle am Fuß des Berges, der ihren Namen trägt.

Diese Legende sagt nicht nur etwas über die Örtlichkeit am Fuße des Maschuks aus, an der unsere Schriftsteller-Begegnung stattfand. Sie bildet in ihrem mythenhaften Kern gleich mehrere Themen ab, die Literatur und Leute in Russland damals wie heute bewegten und bewegen: Natur und Heimat, Liebe und Kämpfe.

Besonders verehrt wird in Pjatigorsk der russische Romantiker Michail Lermontov, ein berühmter Lyriker, Romanautor und Maler. Düster-romantisch wie viele seiner Werke ist auch sein Tod – er starb mit 26 Jahren 1841 bei einem Duell in Pjatigorsk.

Wir mussten uns glücklicherweise nicht duellieren, weder mit dem Schwert noch mit Pistolen. Im Gegenteil! Unsere Ausflüge durch das saftige kaukasische Grün oder durch die Stadt führten uns stets zu Glücksorten.

 Das steinerne Tor der Liebe etwa, dessen Natursteine sich wie beiläufig aufgehäuft zu einer Pforte formen, von der aus man das gesamte Tal überblicken kann. Oder die hölzernen Wegweiser auf dem Maschuk, die auf den ersten Blick an zackige Totempfähle erinnern, die den Abhang umsäumen. Handgemalt weisen sie den Wanderern die Richtungen zu hunderten Orten, von deren Existenz sie bis dahin oft nichts wussten.

Vor allem aber hatten wir – rund um ein Literaturfest zu Ehren Lermontovs sowie auf dem jährlich stattfindenden Festival der Poesie -  viele schöne Begegnungen und Gespräche mit Lyrik-begeisterten Menschen: mit dem Bürgermeister der Stadt, Andrey Skripnik, und mit russischen Dichtern und Denkern, z.B. Jurulan Bolatov oder Vladimir Shatakishvili, einem Mann, der die Bedachtheit und Würde eines russischen Theodor W. Adornos ausstrahlte. Aber auch die Studenten/Innen der Universität und die Liebhaber/Innen der Literatur traten immer wieder mit uns in den Dialog. All dies wurde uns durch die unermüdlichen Übersetzungskünste von Dr. Natalia Kaschirina und Prof. Dr. Margarita Morosowa ermöglicht. Oh, und ich bin mir sicher, dass die beiden jedes sprachliche oder kulturelle Fettnäpfchen, sofern welche aus dem Boden gewachsen sind, verschwinden lassen haben. Ob sie ermessen können, wie dankbar wir ihnen sind? [Foto links: mit freundlicher Genehmigung von Daniela Gerlach]

So kurz nach dem Tag der Befreiung (bei uns der 08. Mai, in Russland der Tag des Sieges am 09.Mai) sollte das meine Anerkennung sein für die Menschen, die ihr Leben im Zweiten Weltkrieg gelassen haben, um den Nazis Einhalt zu gebieten. Natalia übersetzte für mich, dass der Mann, den ich liebe, nie geboren wäre, wenn die Russen nicht so schnell die deutsche Wehrmacht zur Kapitulation gezwungen hätten. Denn sein Vater saß zu dieser Zeit im KZ. 

Es sollte ein gesprochener Vortrag werden, aber spätestens beim Refrain sangen alle Besucher mit. Das allein wäre schon ein Erlebnis gewesen. Tief berührt hat mich aber die Dichterin Elena Dolschenko (links, im feurigen Rot), die nach meinem Auftritt zu mir kam. Sie stellte sich vor, umarmte mich und berichtete, dass ihr Vater damals in Berlin mit dabei war. Sie schenkte mir erst handgeschriebene Gedichte, dann ein Büchlein und schließlich, bevor wir uns trennten, tauschten wir unsere Adressen. Sie sagte, sie habe nun wieder die Motivation, sich mit der deutschen Sprache, die ihr Vater so gut beherrschte, zu beschäftigen. Eine deutsch-russische Begegnung mit feuchten Augen und freudigen Herzen! Daran denke ich gern zurück.  

 Und zwei andere Begegnungen haben mich etwas gelehrt. Es waren unsere Gastgeber persönlich.

 Wir saßen zweimal zusammen bei gutem Essen und köstlichem Wein aus dem benachbarten Georgien. Statt riesiger Fleischberge - die ich als Veganerin mehr auf den Tellern fürchtete als den Leibhaftigen persönlich - fanden wir eine herrliche Vielfalt an zubereitetem Gemüse: Schmackhafte Pestos aus Spinat und Bohnen, gebratene Auberginenrollen mit würzigem Innenleben, frische Salate und Kräuter, eingelegte Gurken und anderen Delikaterssen. Für die Fleischfreunde gab es die in Georgien berühmten Chinkali, kunstvoll gefaltete Teigtaschen mit einer herzhaften Füllung und beim zweiten Festmahl frische Forelle aus einer benachbarten Forellenfarm. Unsere Gastgeber hatten sich im Vorfeld erkundigt und alle Essensvorlieben berücksichtigt. Mein Glück war bis hierhin schon perfekt.

Ich genoss diese Abende mehr als alles andere. Und das ist es auch, was ich mit nach Hause nehmen werde: Dass man den Menschen, denen man begegnet, mit denen man isst und trinkt, mit denen man redet, mit denen man arbeitet oder lacht - dass man all diesen Menschen – egal, wie gut man sie kennt - in Worten und Taten seine Wertschätzung entgegenbringen sollte. Traut euch auch! Es macht glücklich! Und darauf haben wir am Ende sogar mit Wodka angestoßen. 

Mein Dank an die russischen Freunde!